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Veröffentlicht am 25.06.2019

Thomas Ingenlath
Thomas Ingenlath

Der Deutsche, der die Schweden schön macht

Er ist sehr schlank und sehr freundlich, oft lächelt er entwaffnend, wenn man mit ihm spricht. Und selbst auf böse Fragen reagiert er mit geradezu buddhistischer Geduld. Gern trägt er enge Anzüge in mutigen Farben, irgendwie wirkt er genauso puristisch und cool wie die schwedischen Autos der Marke Volvo, die er seit einigen Jahren mit riesigem Erfolg zeichnet.

Dabei kommt er gar nicht aus dem herrlichen Land der Wälder, Elche und Seen, sondern wurde 1964 im rheinländischen Krefeld geboren. Aber für Farben und Formen hatte er schon immer viel übrig. Erst absolvierte er eine Design-Ausbildung an der Fachhochschule für Gestaltung in Pforzheim, dann studierte er am oberfeinen Royal College of Arts in London, wo er sich auf Automobildesign spezialisierte. Nach einer längeren Station bei Audi (1991 bis 1994) war er später bei VW (1995 bis 2000) fürs Außendesign diverser wichtiger Modelle zuständig und anschließend Designchef der gerade raketenmäßig aufstrebenden tschechischen Konzernmarke Skoda (2000 bis 2006). Und danach betreute er als Direktor des Volkswagen Design-Centers in Potsdam spannende Projekte aller Automobil-Marken des Konzerns.

Dann wurde es richtig spannend, denn 2012 wechselte Ingenlath zu Volvo, wo er von Konzernchef Hakan Samuelsson die Gesamtverantwortung fürs Design der schwedischen Marke bekam. Und seit 2017 ist er nun auch noch der Chef von Volvos völlig neuer Elektromobilitätsmarke Polestar. Wenn man ihn mal ganz persönlich treffen will, muss man nach Göteborg ins Hauptquartier der Marke Volvo, deren Autos in den letzten Jahren weltweit zu trendigen Verkaufsrennern der Branche avanciert sind.

»Du musst nicht in Schweden geboren sein, um skandinavisches Design zu verstehen«, grinst er. Aber wenn man in Schweden lebe, verstehe man schnell wie unique, klar, kraftvoll und bodenständig naturhaft dieses Design sei. Eine ideale Basis für automobile Charaktäre, die mit starken, kontrollierten Linien begeistern. »Der Thomas ist ein Visionär, er hat immer ein unglaublich sicheres Gefühl für die nächsten großen Schritte, die wir tun müssen«, sagen seine Mitarbeiter.

Sein Glück: Er kam zur Stunde Null nach Göteborg, genau im richtigen Moment, als Volvo bereit war für den großen stilistischen Neuanfang, bereit für die Zukunft eines klaren skandinavischen Designs. Ingenlath legte los, und schon sein erstes Modell, der XC90, dieses völlig neue Topmodell der SUV-Baureihe, war ein Volltreffer. Nordische Eleganz, statt platter Ich-fress-dich-Visage. Klare, puristische Linien statt dick aufgetragener Schnörkel und Schwellungen. Dazu die geniale Idee, Thors Hammer aus der wilden schwedischen Mythologie als Form für die Taglicht-LED-Leuchten der neuen Volvo-Modelle einzusetzen.

Drinnen dasselbe: Schöner Wohnen auf Schwedisch. Das Digitale (XL-Touchscreen!), die edlen Bedienelemente, die wunderbar rückenfreundlichen Sitze, der Sound der HiFi-Technik (Bowers & Wilkens!), die naturhaft-offenporigen Holzintarsien, das wunderbare schottische Leder (Bridge of Weir!) und dazu die vielen smarten Details — alles vom Feinsten. Die Kunden waren begeistert, und Volvo fuhr ruck, zuck in die Erfolgsspur.

So ging’s munter weiter. Es folgten im Geschwindeschritt die  kompakteren, sehr individuellen SUV-Modelle XC60 und XC40 mit den nun stärker modellierten Seitenpartien, der wunderschöne Kombi V90 und die stilistisch aufregende 60er Baureihe. Vorsprung durch Schönheit, der Neid speziell der elitären bayrischen Autombilhersteller ist da nur verständlich. Jedes neue Modell, das die Handschrift Ingenlaths trägt, hat trotz der Familienzugehörigkeit seine ganz eigene, unverwechselbare Ausstrahlung. Unaufdringlich und doch verdammt präsent. Kein Lametta, keine Schnörkel. Das Einfache, das schwer zu machen ist.

Mehrfach in den letzten Jahren hat man Volvo mit Apple verglichen. Klar, dieser spezielle Coolness-Faktor. Für Ingenlath selbst ist der frühere, charismatische Apple-Chef Steve Jobs nur eines seiner Vorbilder. »Der verstand es meisterlich, technische Produkte so zu inszenieren, dass sie Menschen begeistern.« Auch für die Vollstromer-Marke Tesla kann er sich begeistern. Wenn es um Elektromobilität gehe, sei das US-Unternehmen schon ein Maßstab, an dem man sich in der Autoindustrie messen sollte. »Tesla hat den Menschen gezeigt, dass Elektroautos Spaß machen können. Und nicht nur Öko-Freaks, »die Elektromobilität aus einem Dogma heraus propagieren.«

Dazu passt die überraschend grüne Philosophie der schwedischen Premiummarke, die zunehmend auf Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein setzt. Mittelfristig ohne Diesel, aber mit vielen Elektromodellen. Maximal Tempo 180, und dazu (wie schon immer) diese vorbildliche Sicherheit mit dem großen Ziel, dass ab 2020 niemand mehr in einem neuen Volvo sein Leben verlieren oder schwer verletzt werden soll. Die Schweden machen offenbar genau das, was die Zukunft vom Automobil verlangt — und Ingenlath ist mittendrin.

Und jetzt startet ja noch Polestar («Polarstern«), Volvos neue Edelmarke. Kennen Sie nicht? Sollten Sie aber. Polestar ist nach eigener Definition eine elektrifizierte Performance-Marke, die Speerspitze für das, was bei den Schweden demnächst stromert und außerdem besonders stark ist. Sehr sportlich und erst mal etwas teuer. Der Chef von Polestar? Richtig geraten, Thomas Ingenlath.

Der verrät auch gern was über das zeitgemäße Showroom-Konzept der neuen Marke namens „Polestar Space“, das weltweit in insgesamt 60 großen Metropolregionen platziert werden soll. „Polestar wird das Kundenerlebnis neu definieren“, erklärt Ingenlath, der in Personalunion weiterhin Volvos Chefdesigner bleibt. Für die deutschen Standorte gibt es auch schon Ideen, hier sind zum Beispiel Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Düsseldorf, Köln sowie Dresden und Leipzig schwer im Gespräch.

Wie denn so ein bis zu 250 Quadratmeter großes Space gestrickt ist? Stellen Sie sich einen Showroom mit sehr glatten Flächen vor, alles in Stahlgrau. Minimalistischer als eine Edelstahlküche, clean bis in den letzten Winkel. Ein Paradies für hippe Turnschuhträger und Freunde des skandinavischen Designs. Loungesessel, im Hintergrund entspannende Loungemusik und an den Wänden integrierte gläserne Schaukästen mit den technischen Highlights der neuen Modelle.

Fehlen nur noch die Autos, aber Polestar 1 ist ja schon in Sichtweite. Ein extrem sportlicher, coupehafter 2+2-Sitzer, ein Plug-in-Hybrid, der mit einer Systemleistung von 441 kW (600 PS) und 1.000 Nm Drehmoment in nur 3,8 Sekunden auf Tempo 100 fliegen kann. Und natürlich hebt sich das puristische Design des Sportwagens, das sichtbar die Volvo-Gene trägt, wohltuend ab von den optischen Krawallos der Konkurrenz. Ingenlath haut sofort die Kurzfassung raus: „Pure, Progressive, Performance!“

Ob dieser 4,50 Meter lange und nur 1,35 Meter hohe Leistungssportler nun der passende Einstieg in die Polestar-Zukunft sei? Der Chef sieht da keinen Widerspruch. Im Gegenteil. „Polestar 1 ist ein Aushängeschild, ein Dream Car, dieses Auto wird der Marke eine emotionale Initialzündung geben“, erklärt er lächelnd mit sanfter Stimme. Außerdem biete dieses Auto mit seiner Batteriekapazität von 34 kWh immerhin 150 Kilometer Reichweite im rein elektrischen Fahrbetrieb — mehr als jedes andere Plug-in-Hybridfahrzeug der Welt. „Wetten, dass Sie mit dem die meiste Zeit elektrisch fahren?“

Gebaut werden die Polestar-Modelle übrigens in China. Zur Erinnerung: Volvo gehört seit 2010 zum chinesischen Fahrzeugkonzern Geely („Glück verheißende Automobile“), mit dem Volvo bisher bestens gefahren ist, weil man in Göteborg bei fast allen wichtigen Entscheidungen relativ freie Hand und genügend Taschengeld für Zukunftsprojekte hatte. Und das völlig neue Polestar-Werk in Chengdu, das zum Jahreswechsel seinen Betrieb aufnimmt, passt mit seinem elegant geschwungenen, luftigen Layout bestens zur Marke, es ist laut Volvo eine der energetisch und ökologisch vorbildlichsten Autofabriken der Welt. Im Sommer beginnt hier die Serienproduktion des Polestar 1, wenig später sollen die ersten Kundenfahrzeuge ausgeliefert werden.

Der hohe Preis von 155.000 Euro (ohne Extras) und die Anzahlung von 2500 Euro scheinen jedenfalls nicht abzuschrecken — das Interesse am Polestar 1 ist groß. Schon über 6000 Interessenten sollen sich gemeldet haben. Die Schweden, so ist zu hören, denken bereits darüber nach, die ursprünglich geplante Jahresproduktion von 500 Autos nun deutlich aufzustocken. Eigentlich sollte das Auto nur drei Jahre lang gebaut werden.

Die Nachfolger Polestar 2 und 3 kommen dann nur noch batterieelektrisch und in viel größeren Stückzahlen. Polestar 2 zum Beispiel, ein 4,61 Meter langer und immerhin 1,47 Meter hoher, fünfsitziger Vollstromer ist mit bis zu 500 Kilometer Reichweite eine familientaugliche Vollwert-Limousine. Viel Platz und auch viel Laderaum unter einer großen Heckklappe. „Damit bringen wir einen echten Tesla-Konkurrenten auf den Markt“, sagt Ingenlath. Selbst der Preis, der zwischen 39.000 und 59.900 Euro liegen wird, orientiert sich am Ami.

Auch Polestar 3, der 2021 startet, fährt batterieelektrisch. Die Definition der Schweden: „Ein aerodynamisches SUV mit niedriger Dachlinie. Mindestens zwei Handbreit flacher als Volvos SUV-Flaggschiff XC90. Mehr raffiniertes Sportcoupé mit schöner Hochsitzer-Aussicht als kraxelnder Waldschrat. Schnittig, schnell. Im Idealfall, wenn Ingenlaths Truppe mal wieder ihren nordisch-kreativen Tag hat, wieder so ein Hingucker, den man auch kauft, wenn man ihn gar nicht braucht. „Das Modell hat mit einem klassischen SUV eigentlich wenig zu tun“, betont Jonathan Goodmann, als Chief Operating Officer (COO) bei Polestar für alle Betriebsabläufe zuständig. „Das wird ein aufregendes Auto.“

Logisch, dass Volvo selbst ebenfalls vollelektrische Modelle plant, die sich die Basis (CMA-Plattform) mit den neuen Polestar-Modellen teilen. Und umgekehrt. So startet ab Mitte 2020 der schicke Kompakt-SUV XC40 als vollelektrisches Auto und später auch die batterieelektrische Version vom Nachfolger der wichtigen Kompaktlimousine V40. Das große Ziel: Bis 2025 soll bei Volvo die Hälfte des weltweiten Absatzes auf reine Elektroautos entfallen.

Wie steht denn Ingenlath selbst zur Elektromobilität? Uneingeschränkt positiv. Das sei die zeitgemäße Form der Fortbewegung, postuliert er mit Begeisterung. »Ein Auto mit Verbrennungsmotor, das kuppelt und schaltet, das lärmt und permanent vibriert, fühlt sich ja inzwischen alt an!« Das sei ja prima für einen Oldtimer, aber ein neues Auto, frisch aus der Presse, sollte künftig keinen Verbrennungsmotor mehr haben. Spätestens in zehn Jahren werde Elektromobilität die Normalität sein.

Er selbst sei in Göteborg Göteborg meist mit dem Fahrrad unterwegs. Gern auch mit einem alten Volvo C30 Electric, den er sich neu aufgebaut hat.
Das war übrigens Schwedens erstes vollelektrisches Auto — mit Siemens-E-Motor und einem Lithium-Ionen-Akku, der gerade 24 Kilowattstunden Strom speichern kann und mit einer Akkuladung nur etwa 100 Kilometer weit kommt. Ingenlath: »Das reicht mir im Stadtverkehr und für Fahrten rund um Göteborg völlig, und das Ding fährt sich richtig spritzig«.

Wie schwer fiel ihm eigentlich der Rollentausch in den Chefsessel eines Unternehmens, also auch hinüber zu ökonomischen Themen? Ingenlath lächelt wieder. »Eine neue Marke aufzubauen ist eine schöne Aufgabe«. Als Designer habe er sich auch nie nur für Formgebung, sondern auch immer fürs Gesamtkonzept interessiert. »Und, glauben Sie mir, auch als Designer bleibt man von langen, manchmal frustrierenden Sitzungen nicht verschont.«