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Veröffentlicht am 14.07.2021

Maeda Designers
Maeda Designers

Wie eine Familie das Mazda-Design prägt

Wer in der Mazda Designabteilung den Namen „Maeda-san“ erwähnt, erhält in der Regel eine ehrfürchtige Reaktion. Kaum jemand hat das Erscheinungsbild der Marke Mazda mehr geprägt als die letzten beiden Generationen dieser Familie – wobei sie sich in Sachen Design nicht immer einig sind. Dies ist die Geschichte einer außergewöhnlichen Design-Familie.

Die Beziehung zwischen Matasaburo und Ikuo Maeda ist komplex, wie so häufig zwischen Vater und Sohn. Voller Respekt und Liebe füreinander, aber auch mit grundlegend unterschiedlichen Persönlichkeiten und Weltanschauungen.

Der ältere Maeda, ein ausgebildeter Ingenieur, schätzt Sparsamkeit, Einfachheit und Disziplin. Seine Inspiration ist die deutsche Bauhaus-Bewegung mit ihrem starken funktionalen Fokus. Sein Sohn ist ein leidenschaftlicher Rennfahrer – von Freunden und Kollegen „Speedy“ genannt – und liebt Gegenstände, die Emotionen wecken und wie lebendig wirken. Seine Quelle der Inspiration ist die Sinnlichkeit italienischen Designs, die dynamische Energie der Natur.

Auf den ersten Blicken mögen diese beiden Männer extrem gegensätzlich wirken. Doch sie haben etwas ziemlich Bemerkenswertes gemeinsam: Beide sind legendäre Automobildesigner bei Mazda und für einige der einflussreichsten Modelle der Marke verantwortlich. Eine Design-Dynastie, die das ästhetische Empfinden bei Mazda bis heute prägt.

Matasaburo Maeda, in Hiroshima geboren, hat den Challenger-Spirit, der nach der Zerstörung seiner Heimatstadt entstanden ist, mit eigenen Augen erlebt. 1962 kam er zum Unternehmen, nach 18 Jahren stieg er in den Rang des General Managers der Mazda Designabteilung auf und bekleidete diese Position zwischen 1980 und 1987. Die Spuren seiner Amtszeit und der Challenger-Spirit beeinflussen die Designarbeit von Mazda bis heute.

Matasaburo ist seit jeher ein Verfechter des Prinzips “Form follows function“ – ein Leitsatz, den er trotz ihrer Differenzen an seinen Sohn Ikuo weitergegeben hat. Aus Sicht von Maeda Senior sollte Design niemals verschnörkelt oder ornamental sein. Jedes Detail verfolgt einen Zweck, nichts ist überflüssig.

Dieser Ansatz kam in Modellen wie dem kastenförmigen Mazda 929 HB zum Ausdruck, der von 1981 bis 1986 verkauft wurde. Die Krönung der ersten Maeda-Design-Ära bei Mazda war allerdings der Mazda RX-7 – ein Kreiskolbenmotor-Modell, das viele Mazda Fans bis heute lieben. In den Worten von Matasaburo Maeda waren es drei Prinzipien, auf denen die charakteristischen klaren Linien und die schlanke Eleganz dieses Fahrzeugs beruhten. „Erstens suchte ich nach der besten Art und Weise, den Charakter des Kreiskolbenmotors zum Ausdruck zu bringen. Zweitens ging es um die Senkung des Luftwiderstands, und drittens stellte ich mir für den RX-7 ein klassisches Front-Mittelmotor-Layout vor.“ Die spezielle Geometrie des Kreiskolbenmotors sorgte dafür, dass die Designer die Fahrzeugnase deutlich tiefer als gewöhnlich ansetzen konnten. Neben den Klappscheinwerfern trug dies zur charakteristischen Gestalt des Sportwagens bei.

Da der Motor so eine große Rolle für das Design des Fahrzeugs spielte, überrascht es nicht, dass Matasaburo von Beginn an Ingenieure und Modellierer mit in den Designprozess einbezog. Während er das Ruder der Mazda Designabteilung in der Hand hielt, entwickelte Maeda ein System der Zusammenarbeit zwischen diesen drei Gruppen, das bis heute die Basis für den gemeinsamen Entwicklungsansatz bei Mazda bildet.

Dass Ikuo Maeda in die Fußstapfen seines Vaters treten würde, war alles andere als ausgemacht. Trotz der Begeisterung, mit der Matasaburo seine Aufgaben bei Mazda anging, achtete er streng darauf, die Arbeit im Büro zu lassen. „Der Begriff ‚Designer‘ mag attraktiv klingen, aber die Arbeit an sich ist mühsam, und ich habe sie nie mit nach Hause genommen“, erinnert sich der ältere Maeda.

Tatsächlich hatte der junge Ikuo Maeda zunächst überhaupt keine Ambitionen, eine Karriere im Automobildesign einzuschlagen, obwohl er Autos und Rennwagen schon damals liebte. Und so war es nicht sein Vater, sondern der Film „Le Mans“ von 1971 mit Steve McQueen, der in ihm den Wunsch weckte, in der Automobilbranche zu arbeiten. „Damals beschloss ich, dass ich gerne einen Job hätte, der mit Autos zu tun hatte“, sagt Maeda.

Der junge Ikuo Maeda begann, Industriedesign am Kyoto Institut für Technologie zu studieren. Wenn er zuhause war, hielt er sich an die Maeda-Regel, nicht über Berufliches zu fachsimpeln. Als er eines Tages in einem weißen Mazda RX-7 am Haus seiner Eltern anhielt, hatte er keine Ahnung, dass sein Vater dieses Auto gestaltet hatte. „Ich hatte das Auto einfach deshalb gekauft, weil es das schnellste war, das zu bekommen war“, sagt Maeda, der nicht ganz zufällig zweimal seinen Führerschein wegen zu schnellen Fahrens abgeben musste. „Und weil es ziemlich gut aussah“, gibt er zu.

Dennoch begann er 1982 seine Laufbahn bei dem Unternehmen, das seinen Vater zu einer lebenden Design-Legende gemacht hatte. Ein paar Jahrzehnte später kann der Sohn, inzwischen Chefdesigner der globalen Mazda Designabteilung, das gleiche von sich behaupten.

Wenn Ikuo Maeda die Designphilosophie seines Vaters mit seiner eigenen vergleicht, dann treten die Unterschiede ziemlich klar hervor. Die Entwürfe seines Vaters, sagt der junge Maeda, seien „ruhig und elegant“, seine eigenen im Gegensatz dazu „dynamisch und voller Bewegung.“ Er ergänzt: „Matasaburo strebt Formen an, die beständig sind, während es bei meinen um Fluidität geht“.

In der Tat ist die Betonung der Bewegung ein zentraler Bestandteil der Designphilosophie, die Ikuo Maeda etabliert hat, seit er 2009 die Leitung des Mazda Designs übernommen hat. Die Designsprache „Kodo – Soul of Motion“ fängt die Schönheit der Bewegung in einem stehenden Objekt ein. Viele frühe Designs in diesem neuen Stil waren von einem Geparden inspiriert, der im Begriff ist, sich auf seine Beute zu stürzen. Ein Jahrzehnt und viele Modelle später liegt der Fokus immer noch darauf, die kraftvolle, rohe Energie der Bewegung in einer eleganten und ästhetischen Form zu gestalten. Das ist es, was Ikuo Maeda meint, wenn er seine Designs als „emotional“ bezeichnet: Jedes Modell soll den Betrachter bewegen, ihm oder ihr die Energie vermitteln, die in diesem Objekt steckt. Eine Strategie, die zu funktionieren scheint, wie Matasaburo zugibt: „Sein Design hat etwas, das mich berührt. Ich verstehe es. Und zwar nicht deshalb, weil er mein Sohn ist.“

Das Kodo Designkonzept hat sich mit der Zeit weiterentwickelt – und der Einfluss des Vaters auf die Sichtweisen seines Sohnes ist ausgeprägter geworden. Wie sein Vater glaubt Ikuo Maeda daran, dass weniger mehr ist und dass die Form stets der Funktion folgen sollte. Beide Maedas können sich noch gut an einen prägenden Moment in der ästhetischen Erziehung des jungen Ikuo erinnern. Als er an Designs für den Mazda RX-7 arbeitete, gab Matasaburo Maeda seinem Sohn einen Brieföffner – einen sehr schönen, aber auch sehr einfachen. Die glitzernde Stahlklinge wurde von Enzo Mari designt, einem berühmten italienischen Designer und Künstler.

Was das Design so besonders machte, war eine Drehung, die so aussah, als ob ein sehr starker Mann den Gegenstand mit bloßen Händen verdreht hätte – ein dezenter und doch sehr markanter Effekt. „Ich wollte Ikuo zeigen, wie man mit einer einzigen Drehung einen vollkommen neuen Ausdruck erreichen kann“, sagt Matasaburo. Eine Lektion, die sein Sohn sich zu Herzen nahm. „Der Kontakt mit diesem Gegenstand ist ein wirklich wichtiger Augenblick in meinem Leben. Es ist ein Objekt von essenzieller Form, wirklich schön, aber auch mit sehr viel Stil. Ich dachte: Das hier ist Design. Ohne diesen Gegenstand wäre ich vielleicht nicht Designer geworden und wäre heute nicht hier.“

Die Bewunderung für die Eleganz italienischen Designs ist wohl eines der wenigen Dinge, auf die sich Vater und Sohn verständigen können. Die legendären Automobildesigner Giorgietto Giugiaro und Nuccio Bertone waren beide im Hause Maeda zu Gast.

Genau wie Matasaburo Maeda arbeiteten sie an den herausragenden Designs der Mazda Luce Modellreihe, speziell am ikonischen Mazda Luce R130 Coupé von 1969. „Ich verstand kein Wort von dem, was sie sagten, aber was mich beeindruckte, war ihre Leidenschaft und dass sie mit jedem kommunizieren konnten“, sagt der jüngere Maeda und bestätigt ihren Einfluss auch auf die neueren Generationen von Mazda Fahrzeugen.

Das italienische Design war in Maedas Augen deshalb so besonders, weil es die Karosserie als das Zentrum betrachtete, um das herum das Design gebaut wird. „Designs mit einem Fokus auf die Karosserie erzeugen Stärke und Schönheit“, erläutert Ikuo. „Diese Leute wissen, was die Essenz eines Autos ist.“ Genau das wollte er erreichen, als er die Chance bekam, den zukünftigen Look von Mazda Modellen zu beeinflussen.

Dynamische Schönheit, minimales Design, eine starke Präsenz, die um die Karosserie herum gebaut ist – all dies wurde in der zweiten Phase des Kodo Designs, die 2015 mit dem Konzeptfahrzeug RX Vision begann, noch ausgeprägter. Der Mazda Designer fing an, alle unnötigen Elemente und selbst Charakterlinien von der Karosserie zu entfernen. Das Ergebnis: Während Licht und Schatten über die Oberflächen tanzen, entstehen Formen und Bewegungen, die dem Fahrzeug das Aussehen eines lebendigen Wesens mit einer Seele verleihen. Das bedeutet „Soul of Motion“.

Ikuo Maeda hat der neuen Kodo Designsprache zweifellos seinen eigenen Charakter eingeflößt: die emotionale Wirkung und dynamische Kraft, die er manchmal in den „ruhigeren und eleganteren Designs“ seines Vaters vermisste. Gleichwohl hat er das Erbe seines Vaters nie aus den Augen verloren. Für viele Mazda Fans ist und bleibt der RX Vision der Inbegriff dieses zweigeteilten ästhetischen Weges, den Ikuo Maeda eingeschlagen hat.

Mit seiner Betonung auf Einfachheit und Eleganz – ganz zu schweigen vom Einsatz eines Kreiskolbenmotors – ist das Konzeptfahrzeug auch eine Hommage an die Mazda Designwurzeln, die Jahre zuvor von Matasaburo Maeda gepflanzt worden waren. Immer mal wieder hat der aktuelle Mazda Design Direktor zudem seinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, den ikonischen Mazda RX-7 wiederzubeleben. Das allererste Auto, an dem Ikuo Maeda damals arbeitete, war das Nachfolgemodell Mazda RX-8.

Bedeutet das also, dass die beiden Maedas heute auf der gleichen Seite stehen, wenn es um Design geht? Nicht ganz, tatsächlich ist Design immer noch so etwas wie ein Tabuthema, wenn sich die Familie trifft. „Wir reden kaum über Design, weil wir uns gegenseitig so respektieren. Wir wissen, dass wenn wir anfangen würden, darüber zu diskutieren, dann würde es nur unschön enden. Also vermeiden wir das Thema lieber freiwillig“, erklärt Ikuo Maeda.

Dazu passt, dass Matasaburo Maeda erst drei Monate vor dem Marktstart des Mazda RX-8 im Jahr 2003 davon erfuhr, dass sein Sohn am Designprozess beteiligt gewesen war. Wie man hört, lobte er das Auto als „gute Arbeit“. Gegenseitiger Respekt trotz kreativer Differenzen – auch das gehört zur Maeda Design-Dynastie. Ohne sie wäre das Mazda Design nicht das, was es heute ist.