NEWS
& INFORMATIONEN

Veröffentlicht am 27.08.2019

Charlene Woitha
Charlene Woitha

Charlene Woitha: Deutsche Meisterin fährt im Volvo von Koch

Freitagvormittag im Wurfhaus des Berliner Sportforums. Richtig, auf dem Gelände dieses riesigen Trainings- und Wettkampfareals in Hohenschönhausen. »Achtung, Wurftraining! Betreten für Unbefugte verboten«, warnt uns ein Schild mit fetten Buchstaben an der Eingangstür. Kurzes Zögern. Was soll’s, schließlich sind wir angemeldet.

Drinnen der nach draußen offene Ring mit den hohen Fangnetzen. Ganz schön warm hier heute, die Sonne knallt jedenfalls voll rein. Im Hintergrund läuft der alte Gute-Laune-Song der Dexy’s Midnight Runners »Come on Eileen«. Passt gerade irgendwie. Charlene Woitha, 26, seit wenigen Wochen deutsche Meisterin im Hammerwerfern, kommt zur Begrüßung kurz raus. Fast 1,80 Meter groß, sehr athletisch. Ein kurzes Lächeln. »Ich muss noch rund zwanzig Minuten trainieren, ist das okay für Dich?« Natürlich, super Gelegenheit mal ein bisschen zuzugucken bei dieser Wahnsinnssportart, die wir sonst nur bei TV-Übertragungen sehen.

Wir selbst würden beim Werfen vermutlich nicht mal den Netzausgang treffen. Charlene («Charlie«) holt sich eine dieser dunklen Eisenkugeln an diesem 98 Zentimeter langen Drahseil, betritt den Wurfkreis (2,135 m Durchmesser), holt mit dem Ding weit aus und schwingt, sehr konzentriert, langsam in die Vorbeschleunigung. Eine Kreisbahn in engen Radien, viermal um die vertikale Achse, am Ende wahnsinnig schnell. Der feine zusätzliche Kick vor dem Abwurf. Cool, die Kugel schlägt weit weg draußen auf dem Platz ein, und wir würden gern klatschen.

Trainer Ron Herrmann Hütcher, früher selbst Hammerwerfer und heute auch Lehrertrainer und Bundesnachwuchstrainer bei den Frauen, sieht das irgendwie anders, er kommentiert penibel jede einzelne Rotation. »Eins und Zwei waren gut, die Drei nicht so toll, die Vier wieder gut. Du musst mehr zum Sektor arbeiten, dann peitsch durch!« Charlene stöhnt unauffällig. Sie hat eine ziemlich harte Trainingswoche hinter sich, hören wir später. »Ich bin echt platt.« Seit eineinhalb Stunden steht sie nun im Wurfkreis. Nächster Versuch, nächster Versuch und dann noch einer. Nur kurze Pausen dazwischen.

Für uns sieht eigentlich jeder Wurf gleich aus, offensichtlich geht es hier um Millimeterarbeit. »Wiederholen ohne zu Wiederholen heißt das bei uns«, erklärt der Trainer aufgeräumt uns Dummies und hat unentwegt noch was zu kriteln. »Bleib zentral! Peitsche weiter unten links! Lass die Füße laufen, lass dir helfen vom Hammer! Wenn deine Hüfte so rausgeht, ist das ein Zeichen, dass du in deiner Mitte echt müde bist.« Dann geht er netterweise mit raus zum Einsammeln der Kugeln, und für uns gibt es schnell einen Kaffee.

Charlene trainiert heute mit dem 3,8-Kilo-Hammer, sagt er dann. Mhm, aha. Denn das habe zum Wochenende noch mal einen schönen Trainingseffekt. Genau, im Wettkampf seien es natürlich 4 Kilogramm. »Das war sehr gut«, ruft er dann plötzlich. Exakt 69 Meter, und Charlene ist sofort wieder gut drauf. »Da hoffe ich mal, dass das in der nächsten Woche, wenn ich wieder frisch bin, noch etwas weiter geht, grinst sie. Ja, jeden Tag werde trainiert, beim Kraftaufbau vor der Saison zum Teil auch zweimal täglich. Nein, eben nicht nur Würfe, sondern auch Krafttraining, Ausdauer und Koordination. Seit einiger Zeit auch so eine Art Yoga, gezielt für eine vernünftige Regeneration («Keine Rückenschmerzen mehr, ein ganz neues Körpergefühl!«). Zum Aufwärmen komme demnächst sogar ein Rudertrainingsgerät zum Einsatz.

Nach dem aufregenden Sieg bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin (67,50 m) und der Silbermedaille bei der Leichtathletik-Team EM (5. Platz beim Werfen) warten nun die Militär-Weltmeisterschaften im chinesischen Wuhan vom 15. bis zum 30. Oktober. Spannend, und wie steht es mit der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha (Katar), die ja schon am 28. September beginnt? »Schwieriges Thema«, grätscht der Trainer mal schnell ein. Die Normweite für die Qualifikation läge bei 71 Metern, das aktuelle Fitnesslevel seines Schützlings leider noch nicht bei hundert Prozent. Die verbleibende Zeit bis Anfang September ist knapp. Naja, in Berlin sei noch ein Wettkampf. »Vielleicht rutscht mir da ja noch ein guter Wurf raus«, sinniert Charlene, »aber den habe ich derzeit nicht so einfach im Repertoire.« Da müsste wirklich alles passen.

Dazu gäbe es eine Vorgeschichte, hören wir, die sei schnell erzählt. Sie kämpfte im letzten Jahr mit einer bösen Wirbelverletzung, die Auswirkungen bremsten viele Monate. »Noch eine Woche vor der Verletzung habe ich im Training reihenweise 72,50 Meter geworfen«. Genervter Augenaufschlag bei dieser Erinnerung. Stimmt, war voll im Bereich der Weltspitze. Großer Frust? Schon, aber nicht lange. »Nackenschläge gibt es ja auch im normalen Leben, da kann ich ganz gut mit umgehen.« Sie möchte ohnehin mit niemand anderem tauschen. »Hammerwerfen, das ist mein Traumjob.« Ihre bisherige Bestleistung? Die 70,98 Meter von 2016 am Ende der Saison.

Denkt sie schon an die Olympiade im nächsten Jahr? »Klar, mein großes Ziel!«. Zur letzten Olympiade in Rio de Janeiro gab es ja diese wilde Achterbahn der Gefühle, als sie kurz vor Ultimo noch für Brasilien nominiert, fertig eingekleidet, nach Missverständnissen wieder gestrichen wurde («Raus aus dem Trainingslager in Kienbaum«) und dann eine Woche später erneut ins Olympiateam kam. Da ging es anfangs um lumpige zwei Zentimeter, die an der Norm fehlten. »Der auf dieses Hin und Her folgende Druck war am Ende zu groß für mich.« Vorzeitiges Aus in der Qualifikation. Deprimierend, aber schnell abgehakt.

Inzwischen hat sie auch einen professionellen Mentaltrainer. Markus Flemming, der als Psychologe auch die Eishockey-Truppe der Berliner Eisbären und andere Spitzensportler coacht. Bei ihm habe sie gelernt, mit dem Erfolgsdruck umgehen. Und die totale Konzentration. »Früher haben mich beim Wettkampf manchmal Kleinigkeiten abgelenkt, jetzt kann ich mich viel besser auf den entscheidenden Moment fokussieren.« Typisch, dass ihr Trainer da noch »große Reserven« sieht. Andererseits, so Hütcher, sei »Charlie« schon jetzt der Leitwolf der Berliner Trainingsgruppe.

Jedenfalls, das muss sie unbedingt noch mal sagen, liebe sie ihren Sport, selbst das Training. Es sei einfach herrlich, wenn man genau das machen könne, was einem am meisten Spaß bereite. Das sei schon ziemlich cool. Auch die Trainingslager mit den anderen Sportlern, oft in anderen Ländern. Zuletzt waren sie in der Türkei, aber auch schon in Amerika, Portugal und oft in Südafrika in der kalten Jahreszeit.

Wie das alles begann? »Schon als Kind war ich ein totaler Sportfreak«. Sie war beim Reiten («Ich hatte sogar mein eigenes Pflegepferd»), beim Schwimmen, beim Judo («Fand ich super«), bei der Kinder-Leichtathletik und bei der Artistik. »Ich war einfach überall!« Sie wollte auch mal Weitspringerin werden: »Heike Drechsler war mein großes Vorbild«. Hat nicht so gut funktioniert. »Ich war schon immer ein bisschen kräftiger als die anderen Mädchen, was die Sache etwas schwierig machte.«

Am Ende sei sie dann dort hängengeblieben wo der Spaß und die Erfolge am Größten waren. Bei der Leichtathletik. Mit 12 Jahren kam sie in die erste Sportschule. Dann Siebenkampf, aber auch immer wieder Verletzungen durch Überlastungen, bis die Trainerin fand, dass das, sorry, auf Dauer wohl nichts werden würde. »Wie wärs denn mit Hammerwerfen, das würde doch gut zu deiner Körperkomposition passen?« Erst mal keine große Begeisterung, aber dann doch. Da war sie 17.

Pflichtfrage: Was ist so toll beim Hammerwerfen? »Diese Power, diese Technik!« Naja, am Anfang sei es die frustrierendste Sportart gewesen, die sie je gemacht hätte. Sie lacht schallend. »Dabei konnte ich wirklich vieles, hatte eine gute Körperbeherrschung und lernte sehr schnell Bewegungsabläufe.« Gott, was das an Technikfeilerei im Training gekostet habe, bis es funktionierte. Doch in den ersten Wettkämpfen war vor lauter Adrenalin und Aufregung diese ganze spezielle Koordination plötzlich wie weggeblasen.

Okay, sie habe es dann einfach als Herausforderung gesehen. »Das kann doch wohl nicht so schwer sein!« Und dann ging es Meter für Meter richtig vorwärts. Vielleicht hat sie auch einfach die passenden Gene. »Ich komme ja aus einer Sportlerfamilie«, erklärt sie sehr schön, »mein Vater war mal Hürdenläufer, meine Mutter Artistin und schon meine Großeltern waren sportlich unterwegs.« Noch was Wichtiges: Großes Vorbild ist für sie immer noch die Berliner Ex-Weltmeisterin Betty Heidler, die ihre Karriere ebenfalls in Berlin begann.

Nun eine kitzlige Frage. Wie es denn, äh, mit ihrem Gewicht aussähe.
»Natürlich muss ich darauf achten, aktuell sind es 77 Kilo.« So um die 80 Kilo herum, das sei schon vernünftig. Ein nachsichtiges Lächeln. Das laufe in diesem Fall nämlich anders: »Ich brauche ständig genügend Kalorien, damit die Muskelmasse nicht verschwindet.« Weniger wäre für die Power beim Hammerwerfen nicht so toll. Also, die richtige Mischung von Proteinen, Kohlenhydraten und so. Und wie sieht’s mit Torte, Eis und Schokolade aus? »Geht alles mal zwischendurch«, sagt sie und verrät sogar noch ihr persönliches Rezept: Mindestens 80 Prozent sportgerecht Gesundes, höchstens 20 Prozent leckeres Sündiges.

Und sonst? Was gibt es denn in ihrem Leben noch neben diesem Sport? »Tatsächlich interessiere ich mich für alles mögliche. Ich lese extrem gerne, auch Fachbücher, ich zeichne und ich lerne gerne Fremdsprachen. Französisch zum Beispiel, aktuell gerade Polnisch.« Dabei sei ihre Freizeit leider sehr eng bemessen, eigentlich blieben da nur die Abende. Ach ja, Fußballfan? »Nö, gar nicht, überhaupt nicht.« Klare Ansage.

Zufrieden mit den Trainingsbedingungen? »Alles optimal«, findet sie. Passt. Nach dem Abitur am Coubertin-Gymnasium in Berlin (Sportgymnasium) besuchte sie übrigens für ein Jahr die Bbw-Akademie für Betriebswirtschaftliche Weiterbildung, seit September 2014 ist sie Sportsoldatin bei der Bundeswehr. Und jetzt studiert sie noch BWL an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin-Karlshorst. »Die sind da sehr kooperativ, ich kann meine Studienmodule mit dem Training super harmonieren.« Anders ginge es auch nicht.

Die Beziehung zur Koch Automobile AG und Volvo begann beim Berliner Tierparklauf 2017, als sie gemeinsam mit Koch-Vorstand Thomas Greitzke den Startschuss und später Autogramme gab. Heute wird sie von Koch Automobile unterstützt, und jetzt müssen wir unbedingt über ihren Volvo V60 T5 reden. »Oh, mein Lieblingsthema«, strahlt sie und lobt dessen cooles, nordisches Outfit, speziell dieses minimalistische Innendesign. »Das ist der erste Kombi, den ich mir überhaupt hätte vorstellen können!« Die meisten sähen ja eher altbacken aus, Familienkutschen eben. Aber das sei optisch ein super sportliches Modell. »Besser hätte es meinen Geschmack nicht treffen können.« Ein Auto für die sportliche Fahrweise, aber auch eins zum entspannenden Cruisen nach dem Training. Ach, ja Fahrrad fährt sie natürlich auch («Für die kurzen Strecken in Berlin«).

Letzte Frage: Was kommt nach dem Leistungssport? Das große Loch, das große Grübeln? Nein, dafür habe sie schon feste Vorstellungen. »Dann steige ich in die Kamin- und Ofenbau-Firma meiner Eltern ein.« Aha, kapieren wir, deshalb also das Studium der Betriebswirtschaftslehre? »Richtig«, nickt sie. Und fährt uns freundlicherweise noch im schicken weißen Volvo zu unserem etwas abgelegenen Parkplatz. Danke, Charlene und viel Erfolg natürlich.

WAS IST HAMMERWERFEN? In Irland und Schottland vergnügte man sich bereits im zwölften Jahrhundert mit dem Werfen eines Hammers, anfangs aus Stein, später wars ein Schmiedehammer. Traditionell wurde dazu ein Kilt, also dieser knielange Männerrock getragen. Heutzutage geht es moderner und reglementierter zu, mit der Übernahme des Hammerwerfens als Wettkampfsport in die internationale Leichtathletik im Jahre 1887 kamen feste Normen. Den Hammer ersetzte eine bei den Männer 7,257 Kilogramm, bei den Frauen 4kg schwere und 1,22 Meter lange Konstruktion, bestehend aus einer an einem Stahldraht mit Griff befestigten Eisenkugel. Diesen »Hammer« gilt es, aus einem Betonwurfkreis mit einem Durchmesser von 2,135 m möglichst weit in einen Wurfsektor zu werfen. Ein Übertreten des Wurfkreises macht den Versuch ungültig, sicherheitshalber ist der Ring von hohen Fangnetzen umgeben. Es gibt minimal drei Wurfversuche, im Endkampf der in der Regel besten acht Athleten drei zusätzliche Wurfversuche.
Die Technik: Entscheidend ist eine hohe Schnellkraft. Dabei gilt es, eine extrem hohe Rotationsgeschwindigkeit zum Erreichen der maximalen Wurfkraft aufzubauen. Beim Einschwingen wird der Hammer vorbeschleunigt und auf eine Kreisbahn gebracht, dann dreht sich der Werfer in möglichst engen Radien unter Ausnutzung des gesamten Ringes drei bis viermal um die vertikale Achse für eine maximale Beschleunigung. Beim Abwurf bekommt der Hammer noch einen zusätzlichen Impuls zur Erhöhung der Endbeschleunigung. Optimal ist ein Abwurfwinkel von 45°, und fürs extrem hohe, gezielte Drehtempo braucht der Profi überdurchschnittliche Muskelkraft und feine Koordinationsfähigkeiten.
Charlene Woitha
© Chai v. d. Laage
Charlene Woitha
© H. Gantenberg